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Christine de Grancy
Fassetten des ewig Weiblichen

Mädchen. Schwester. Freundin. Frau. Arbeiterin. Bäuerin. Diva. Dienerin. Mutter. Grossmutter. Göttin. Wunderbare Geschöpfe

Photographien von 1975 - 2008


Digitalstore Vienna
Stiftgasse 21
1070 Wien



(01) Die Künstlerin Susanne Schmögner in dem alten New Yorker Hotel Wellington, in Begleitung eines von ihr gestalteten Rabens, den sie nach New York brachte, da er Teil von André Hellers „Body and Soul“ Show wurde. USA 1988.

Der Vogel für den Flug in einer großen Kiste verpackt, erregte bei einer farbigen Zollbeamtin des Flughafens die Frage, was darin sei? „Heroin“, die etwas launige Antwort der Künstlerin. „Creasy girl, go!!“ Die verärgerte, dennoch gutmütige Antwort der Zöllnerin, ließ die Künstlerin mit ihrem Vogel passieren. Sie entkam wohl weiteren Fragen. Beide kamen pünktlich zu den Proben.

© Christine de Grancy 

(02) Dr. Arlette Leupold-Löwenthal in der aufgelösten Bibliothek ihres Mannes. Wien, Innere Stadt 1989

Als Ministerialrätin arbeitete sie in der Österreichischen Volksanwaltschaft. Im Laufe der Jahre, in langen Gesprächen habe ich viel vom Sinn des gewissenhaften Umganges mit den Bürgern, ihren Rechten, der Verantwortung des Beamtentums um Gesetzestreue die der Würde jedes Menschen gilt. Sie kam mit ihrem Vater, dem Unternehmer Friedrich Goldscheider - einst die bedeutendste Keramikmanufaktur Europas - neunjährig, nach dem Zweiten Weltkrieg von Ägypten nach Wien. Dieses Bild entstand am Tag der endgültigen Trennung von ihrem Mann, in der einstigen Arbeitswelt und der gemeinsamen Wohnung des Psychiaters Dr. Harald Leupold- Löwenthal. Trotz vieler Schwierigkeiten gelang ein gelungenes Leben mit ihren Kindern und Enkelkinder.

© Christine de Grancy 

(03) Die Malerin Xenia Hauser im Burgtheater, an einem Porträt von Claus Peymann arbeitend, der beobachtend und geduldig anwesend war. Wien 1998

Es war eine Auftragsarbeit für sie, wie auch für mich. Xenia Hauser war eine der zwölf Persönlichkeiten, die ich ausgesucht habe, um sie mit der Manufaktur von dem Wiener Augartenporzellan und dem Kalender für das Jahr 1999 zu verbinden. Claus Peymann, der „emeritierte Staatsfeind und längst Kultur-Darling der Donau- metropole“ wurde am 25. Oktober 2012 Ehrenmitglied des Wiener Burgtheaters samt Ehrenring und sein Porträt, der berühmten Malerin wurde enthüllt.

© Christine de Grancy 

(04) Eine Wolgadeutsche Familie in ihrem Dorf Generalskoje an der Wolga, unweit der Stadt Saratow. Russland 1995

Von 1995 bis 2005 habe ich entlang der Wolga meine umfassendste, photographische Geschichte erzählt. Den fernen, kulturell doch nahen Nachbarn, nach langer Trennung wirklich zu erFAHREN, wurde mir eine zwingende Herausforderung. Die Babuschka spricht Deutsch, eine Art Schwäbisch. Sie singen deutsche Lieder, mit russischen Temperament. Stolz erzählt sie, dass ihr Sohn nächste Woche mit dem „Luftschiff“ zu ihr kommen wird. Die hermetisch geschlossene UDSSR zerbrach und Russland mußte in eine Welt, die mit der „Globalisierung“ bereits weitgehend eingeübt war. Diese Zeitenwende verband sich für allzu viele Menschen mit sie täuschenden Hoffnungen. Mir wurde die unfassbare Größe und Unergründlichkeit dieses Landes bewußt. Bill Clintons, wie Boris Jelzins zweiter Wahlkampf verdeutlichte mir Mitteleuropäerin die unfassbaren Dimensionen. Die USA muss mit vier Zeitzonen ihr Land verwalten, entwickeln und verteidigen, Russland mit elf Zeitzonen.

© Christine de Grancy 

(05) Halima, eine der vier Töchter unserer Gastgeberin Tschimaden, nahe Tchintoulous, im Touareg-Air-Bergland. Republik Niger 2000

Ziegen sind für die Touareg - heute Halbnomaden - eine wesentliche Ernährungsquelle. Milch, Fleisch und Wolle. Die junge Frau treibt die Herde hinaus ins sehr trockene Land und trennt die schreienden Jungtiere von den Muttertieren. Langsam müssen die Jungen lernen von dem kargen Futter zu leben. Die Menschen brauchen die Milch, auch um Käse zu bereiten. Fleisch gibt es selten. Das Leben ist unfassbar hart. Die politische Situation für dieses einstige Nomadenvolk war und ist fragil. Das Immer bereite Lächeln der Menschen offenbart ein Wesen voller Großzügigkeit.

© Christine de Grancy 

(06) Vergnügte Fischverkäuferinnen in der großen Markthalle von Lissabon, nahe dem Tejo. Portugal 1981

Ein Star und Original der Stadt, Antonio D’Almeida, der Pianist, Komponist und Aktivist tritt mit seinem Kamerateam auf. Die Frauen sind hingerissen von der Stimmung, die alle anzustecken schien. Sie packen einander um die Taille, tanzen und besingen das Leben. Vor wenigen Jahre, am 25.4.1974 befreite sich das Land durch ihre „Nelkenrevolution“. Die Soldaten steckten Blumen in ihre Gewehrläufe. Willy Brandt war Geburtshelfer und Verteidiger der jungen, portugiesischen Demokratie. „Man kann die Bedeutung Willy Brandts und der SPD für die portugiesische Revolution kaum überschätzen“, sagt Carlos Gaspar, Politologe der Universität Lissabon. Die linksbewegten Streitkräfte befreiten das Land von dem Diktator António Oliveira de Salazar, der Portugal seit 1933 beherrschte. Ein Drittel der Portugiesen waren unter seiner Herrschaft Analphabeten. 1965 wurde Amnesty International auf Grund der Zustände Portugals gegründet. 1975 endete die portugiesische Kolonialmacht über Angola, Mosambik und Guinea-Bissau. 1976 bekamen Portugals Bürger eine Verfassung. Langsam blüht das Land auf.

© Christine de Grancy 

(07) Mariama Alkabous (links im Bild), Traicha Boutchou und Lougou, Mariamas Schwester vor der aus Lehm gebauten Moschee von Agadez. Republik Niger 2000

Diese Touareg-Frauen leben nun ein „modernes“, fortschrittliches Leben mit Elektrizität, Autos und Eisschrank. Fliegen hinaus in die Welt, kennen andere Welten. Sie sind informiert, wissen wie rasant sich das Leben überall auf diesem Planeten verändert hat, fügen sich aber noch immer leicht in das Halbnomadenleben ihrer Eltern. Im Auftrag der Salzburger Volkskultur, der Landesregierung Salzburg und dem Verein Intersol ist diese umfassende Photoarbeit in nur drei Wochen entstanden. Die Reise fand im Februar des Jahres 2000 statt. Die Ausstellung entstand im Herbst dieses Jahres im Schloß Goldegg und ging später in die Obhut von Eva Gretzmacher nach Agadez.

© Christine de Grancy 

(08) Aminata Traoré, von 1997 bis 2000 Kultur- und Tourismusministerin der Republik Mali, in ihrem Haus in Bamako. Republik Mali 2009

Die in Frankreich ausgebildete Soziologin ist als unermüdliche Aktivistin, um die Probleme ihres Landes und Afrika unterwegs. Sie führt auch ein kleines, feines, sehr im Stil ihres Landes erbautes Hotel. Das Viertel um ihr Haus ist sorgsam behütet, sauber und angenehm für ihre Gäste. Unter ihrem Schutz fand sich ein Mann, der mir Mali näher brachte. Immer an den Ufern des Nigers und des Banis entlang. Es wurde meine letzte, umfangreiche, anlog photographierte Arbeit, die ich nicht mehr fortsetzen konnte. Mein Wunsch Heinrich Barts Timbuktu kennen zu lernen erfüllte sich nicht, obgleich es noch erreichbar schien. Die Nachricht, dass Tuareg Rebellen ins Land eingedrungen sind, zwang mich von diesem Traum zu verabschieden. Einer der Auslöser der Mali-Krise war der Fall des Gaddafi-Regimes, Auch heute noch kämpft das Land um seine Existenz. Frau Traoré erklärt 2013, dem großen Land, dem Staat Mali blieben nur noch die Religion und der Drogenhandel als einzige Angebote. Der Tourismus war kurzfristig eine Möglichkeit und Hoffnung geworden, dem armen Land gewisse Einnahmen zu bringen. Der Islam ist nun die Alternative des Staates. Sie hat berechtigte, sehr beschämende, klare Aussagen über die Arroganz der „Westler“ gemacht.

© Christine de Grancy 

(09) Die Kamerunerin Marie Roger Biloa feiert mit dem Präsidenten, im Palast der Republik Mali, Amadou Toumani Touré, in Bamako das 50-jährige Bestehen der Zeitschrift „Afrique International“, die sie als Herausgeberin viele Jahre in Paris leitete. Mali 2008

Ehrengast in Paris war der Sohn von Martin Luther King. Nach Afrika hat mich die feinsinnige Freundin mitgenommen. Der Anfang einer neuen Fluss-Entdeckung, der Niger und die Chance nach Timbuktu zu kommen. Damals brachen heftige Unruhen der Touareg aus. Sie kamen von Nachbarländern und überfielen den Norden Malis. Heinrich Barth, der große deutsche Afrikaforscher weckte bei mir den Wunsch diesen Kontinent kennen zu lernen. Vor allem aber betrachtete er den europäischen Einfluß in Afrika mit größter Skepsis und träumte davon, an der Spitze eines panafrikanischen Heeres gegen die europäischen Kolonialmächte mitzureiten. Kein anderer Afrikaforscher des 19. Jahrhunderts hat sich derartig radikal auf die Seite der Afrikaner gestellt wie er. Ich habe Marie Roger Anfang der 1980iger Jahre in Wien kennengelernt. Sie hat hier studiert und ihre beiden Söhne zur Welt gebracht.

© Christine de Grancy 

(10) Eine Tuaregfrau im Air-Bergland baut ihr luftiges Heim, unweit von Agadez auf. Republik Niger 2000

Die hölzernen Stangen, wie die selbstgemachten Bastmatten werden auf Eselsrücken gepackt und je nach Bedarf an einem geeigneten Ort aufgebaut. Die Bastmatten dienen als Dach, Seitenwände, wie Bodenbelag. Diese Behausung ist schnell zusammengefügt. Alle Materialen sind aus der Umgebung, von der Dumpalme, in Handarbeit, meist im Reigen von Frauen und Mädchen in lebhaften Gesprächen miteinander verbunden, hergestellt. Beeindruckend ist, wie funktional und durch Generationen erprobt diese Menschen mit ihrer harten, kargen und fordernden Umgebung umzugehen verstehen.

© Christine de Grancy 

(11) Eine Veteranin, mit verdientem Leninorden ausgezeichnet. Sie hat den Kampf um Stalingrad überlebt, heute Wolgograd. Russland, 5. Mai 1995

Stolz erzählt sie vor dem mächtigen, monumentalen Denkmal der „Großen Mutter“, auf dem Mamajew-Hügel, wie die Sowjets - und sie war sehr jung dabei - das Deutsche Heer 1942 bezwungen haben. Es war der Anfang vom Ende des Deutschen und Dritten Reiches. Sie hat überlebt. Mein Vater überlebte einen Flug in diesen Kessel und kam aus ihm unverletzt heraus. Drei Wochen vor Kriegsende fiel er in der Lüneburger Heide, an der Front gegen die Briten. Nie habe ich Russen in meiner langjährigen Russlandarbeit von 1995-2005 gehässige Worte über die Deutschen sagen hören. Sie fühlen, dass der Bürger, die Menschen hier wie dort begrenzte Möglichkeiten hat sich gegen den Missbrauch der Macht und ihrer Interessen wehren zu können. 50 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges, Russland feiert diesen Tag ruhig und ernsthaft. Unendliche viele Tote, jede Familie ist betroffen.

© Christine de Grancy 

(12) „Die Saharaouis - Söhne und Töchter der Wolken“ - Gymnasiastinnen in einer paramilitärischen höheren Ausbildungsstätte, in den Flüchtlingszeltstädten nahe Tindouf, im Südwesten Algeriens 1984

Einst ein Nomadenvolk, deren Lebensraum in der Westsahara, auf der Berliner Kongokonferenz unter dem Reichskanzler Otto von Bismark, Spanien zugesprochen und kolonialisiert, zur Spanisch-Westsahara wurde. 1975 trat die Kolonialmacht das Gebiet - reich auch an Phosphat - dem Königreich Marokko ab. Der Deal, ein hoher Betrag vom Verkauf dieses wertvollen Rohstoffes an Spanien. Die Saharaouis begannen ihren Freiheitskampf, der bis heute nicht entschieden ist, gegen das Urteil der UN, dem Weltgerichtshofs und der OAU. Macht geht bis heute vor Recht?! Die Saharaouis flüchteten vor den verheerenden Napalmbomben, die auf sie und ihre Kamelherden gerichtet, zum größten Teil nach West-Algerien, und fristen dort beharrlich ein kärgliches Leben, dennoch auf erstaunliche Weise gut organisiert. Saharaouische Mädchen erhalten die gleiche Ausbildung wie die Knaben, Männer und Frauen die gleichen Rechte. Diese Photoarbeit begann 1983. Nach fünf Reisen wurde im Verlag Franz Greno 1987 (BRD) das Buch veröffentlicht, im Museum Moderne Kunst-Palais Lichtenstein Wien die Bilder ausgestellt, weiters im Museum für Industrielle Arbeitswelt Steyr 1989, in Salzburg, im ORF Landesstudio zur Festspielzeit 1990. Zum 5th FESTIVAL-VISA L' IMAGE 1993 wurde die Photographin mit ihrer Agentin Regina Anzenberger nach Perpignan eingeladen.

© Christine de Grancy 

(13) Die Schlussszene aus Maxim Gorkis „Kinder der Sonne“, im Akademie Theater, Wien. Premiere September 1988

Im Auftrag vom Direktor Achim Benning, mit dem ich seit 1979 immer wieder seine Regiearbeit, auch am Burgtheater begleiten durfte, entstand meine für mich gelungenste Theater-Photoarbeit. Dreizehn Stücken haben wir 2023 im Theater- Museum - Palais Lobkowitz gezeigt. Mercedes Echerer, der Herausgeberin des Buches (Ausstellungskatalog) „Sturm und Spiel“ und mir wurde es wichtig, ihm und seiner Zeit einen Rückblick auf seine außerordentliche Direktionszeit zu geben. Europa, Deutschland war noch geteilt. Wir hofften, ihm damit auch eine würdigende Aufmerksamkeit zu geben. Es gab auch vor der Ära Klaus Peymanns hervorragendes, Theater an der Burg. Das in Mode gekommene, westdeutsche Regietheater machte sich breit. Es wurde lauter und auf stärkere Effekte bedacht. Im Programmheft zitiert Achim Benning zu seiner „Kinder der Sonne“ Inszenierung, Alexander Blok…statt Heldentaten blühen Psychosen/ und Frechheit gilt für Tapferkeit./ Und ewig liegt sich in den Haaren / Die führen solln, die Obrigkeit…

© Christine de Grancy 

(14) Eine südsteirische Bäuerin, nahe den Weinbergen um Gamlitz. Österreich 2003

Ihr hinreißendes Lachen, Altersübermut? Zufriedenheit? Beginnende Weisheit? In dem hügeligen, nun friedlich wunderschönen Weinland, mit offenen Grenzen zu Slowenien, schützt und verbindet Europa seine Regionen, die Menschen in Gegenseitigkeit, ihren natürlichen Lebensraum? Ist mehr Klugheit und Einsicht auf allen Seiten eingekehrt? Was haben ihre Vorfahren, alle, in diesem belasteten Grenzraum einander angetan und erlitten? Zwei Weltkriege haben diesen Raum hart getrennt. Geschichte erzählt, und das sie viel länger dauert als die Vergangenheit: „denn Vergangenheit ist auch immer Gegenwart. Grenze ist immer der Beginn von etwas, auch Ausweg, wie Eingang, auch Vergessen und Erinnern, Licht und Dunkelheit. Sie ist notwendig, muss aber in großer lebendiger Achtsamkeit immer bereit sein zu öffnen, wie sich auch zu schließen“ so der Triestiner Schriftsteller und Germanist Claudio Magris.

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(15) Fama, die tausendzüngige Göttin, Botin der Gerüchte. Vom Dachrand der Neuen Hofburg wurde sie zur Erde, auf den Heldenplatz gebracht. Ihre Restaurierung wurde nötig. Wien 2006

Zu ihren Füßen der Volksgarten mit dem Theseustempel, der Ring mit dem Parlament, das Rathaus, Burgtheater und die Votivkirche. Fama ist heute vielleicht die unvergessenste aller Olympier und damit doch unsterblich. Von Vergil und Ovid - in der Antike - wurde sie wegen ihrer Vielzüngigkeit gefürchtet. Befeuert sie noch heute das Raunen der Massen? Das Nachrichtenwesen? Ihre Bodenplatte, die sichernde Verbindung zum Sockel auf dem Dachrand der Neuen Hofburg, war durchgerostet. Vorsichtig, mit viel Geduld wurde die mindestens fünf Meter hohe Gestalt, nach 100 Jahren zu Boden gebracht. Elisabeth Krebs, die Metallrestau- ratorin, die die Nike, die Siegesgöttin mit ihrem Triumphwagen - achtfach auf dem Parlament - restauriert hatte, erhielt auch diesen Auftrag, die Göttin mit ihrer Posaune zu restaurieren. Sie kam in gute Menschenhände! Die Meisterin hatte mich eingeladen, die Arbeit des Abtransportes zu begleiten. Ihre ruhige Art auf diesen nicht ungefährlichen Arbeitsplätzen zu wirken, war beeindruckend. Den Moment, die schwebende Fama photographisch festzuhalten verlangte Geduld und die kann einen beschenken, wenn man neun Stunden auf diesen einzigartigen Augenblick zu warten bereit ist.

© Christine de Grancy 

(16) Susanne Widl und Christian Attersee, Empfang im Palais Ferstl, anlässlich seiner Ausstellungseröffnung im Kunstforum Wien 2005

Polly Adler zur Ordensverleihung der Stadt Wien für die Chefin des Café Korb: „Su Widl - eine Wahre Glamour-Biene. Sie hat noch immer Beine, für die ein Kardinal ein Kirchenfenster eintreten würde. Peter Falk vergötterte sie. Sie riecht nach dem besten Parfüm, das Frauen tragen können. Es duftet nach Gelassenheit und einem Leben, in dem sie es vor allem einem Menschen recht gemacht hat - sich selbst. Ja, das Café Korb, das die Su mit der Grandezza einer gütigen Feldmarschallin führt, hat schon so viel auf dem Tacho. Es ist uns allen eine Wärmestube, ein Auffanglager an schlechten Tagen, ein Ort, der den Polgar-Sager ,Man ist daheim und doch nicht zu Hause“. Sie bemerkt weiter „ Hier hat man Kinder (fast) geboren, Bücher in die Welt geschossen, die Post und den Liebeskummer erledigt“. Und mir hat Susanne 2010 geistesgegenwärtig das Leben gerettet. So kann ich heute diese gar nicht so kleine Ausstellung im Digitalstore machen. Ein Dank an Andreas Tischer und seine Kollegen, die mich zum Teil seit 40 Jahren in vielen technischen, fachlichen Fragen geduldig meinen Weg haben finden lassen. Herzlichen Dank

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(17) Alexander Rodtschenkos Urenkelin Ekaterina Lavrentieva im Atelier ihres Ur- großvaters. Moskau 1982

Eingeladen das Staatsgastspiel des Wiener Burgtheater nach Moskau und Leningrad dokumentierend zu begleiten, kam ich in das unbeschreiblich, vom Westen so ferne Land und doch waren wir mit den großen Ereignissen durch Kunst und Kultur dieser russischen Welt mental immer auch verbunden. So fragte ich, ob es möglich sei eine Verbindung zur Familie des großen sowjetischen Photographen Alexander Rodtschenko zu ermöglichen. Teile seines Werkes habe ich wenige Jahre zuvor in Hamburg kennen gelernt und war sehr von dem Porträt seiner Zeitung lesenden Mutter berührt. Ich kam nun in diese Welt, dieses Atelier, wo einst auch Wladimir Majakowskij als Freund oft zu Besuch war. Nadeschda Krupskaja, die Frau von Lenin überzeugte ihren Mann vom Wert des jungen Künstlers für den Aufbau einer neuen, einer sozialistischen Gesellschaft. Die Unterhaltung für uns war damals nicht einfach. „Ausländern“ gegenüber waren Russen sehr zurückhaltend. Das kleine Mädchen kam stolz mit ihrer Katze. Schnell kniete ich mich vor sie hin und verband sie mit dem einzigen Photo „Junger Pionier mit Trompete“ in seinem Atelier. Jahre später erfuhr ich, dass ihm dieses Bild große Probleme brachte. Kollegen prangerten den Stil dieses Fotos an, und dass der jungen Pionier, statt am Feld zu arbeiten, auf einer Trompete spielte. Dieser hätte sich mit einer nützlicheren Arbeit beschäftigen müssen. Das Urteil in der Stalin-Ära konnte das Leben eines Menschen vernichten.

© Christine de Grancy 

(18) Die Photographin Gabriela Brandenstein im Elternhaus von Sabina Sarnitz. Döbling. Wien 1975

Franz Hubmann hat uns drei befreundete Photographinnen später väterlich und wohlwollend seine „drei Mäderln“ genannt. Die gemeinsame Arbeit zu André Hellers Buch „Die Ernte der Schlaflosigkeit“ mit dem Herausgeber Christian Brandstätter im Molden Verlag und dem Maler Wolfgang Herzig barg viel Aufbruchstimmung unseren Weg zu gehen. Wien war damals eine enge, für junge Menschen düstere Stadt. Der Kalte Krieg brachte Mauern und Eiserne Vorhänge. Düstere Vergangenheit war überall spürbar. Unterschiedlichste junge Menschen, dennoch im Aufbruch, fanden zueinander. Uns drei Photographinnen verbindet noch immer das Leben, eine liebevolle, respektvolle Freundschaft, so verschieden unsere Wege wurden. Elfriede Jelinek schreibt zu Brandensteins Buch „Vom Glück des Schauens“ (2023): „Die Kunst dieser Fotografin besteht meiner Meinung nach in der vollkommenen Gewaltlosigkeit gegenüber ihren Objekten. Staunen macht das grandiose Kaleidoskop des Dargebotenen. Zeitlos, ohne Ablaufdatum beglückend.“ Und für den Doyen des Burgtheaters, der große Michael Heltau ist die Fotografie ein indiskretes Medium. „Gabriela Brandenstein ist der diskreteste Mensch. Niemals würde sie jemanden, den sie porträtieren will, in eine unangenehme, peinliche Situation bringen“.


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(19) Ljudmilla Ulitzkaja, die 2023 Nobelpreis nominierte russische Schriftstellerin in ihrer Moskauer Wohnung. Russland 2003

„Medea und ihre Kinder“ war für mich das erste Buch von ihr und es erschloss mir eine einzigartige Welt. Zu Anfang meiner langjährigen Wolgawelten-Arbeit habe ich dieses Buch von einem jungen Russen empfohlen bekommen und war über die unbeschreibliche Vielfalt dieser Menschen aus allen Teilen des Sowjetstaates - ein Vielvölkerreich - fasziniert, wie sie sich auf der Krim, alle Jahre wieder, in den Sommerferien auf dieser beliebten, begehrten taurischen Halbinsel mit seiner uralten Geschichte, bei ihrer alten, kinderlosen Tante Medea einfanden. Griechen, Skyten, Tataren, Genuesen und andere Völker an den Ufern des Schwarzen Meeres koexistierten seit Urzeiten miteinander. 1992 war ich von der Türkei kommend in Georgien. Nun wollte ich mich entlang der Wolga, diesem unermesslichen Land nähern. Eine nicht enden wollende Reise. 2006 schreibt die Autorin zu meinen Bildern: „Die Fotografien von Christine de Grancy fließen mit dem Fluss und eröffnen uns so die Besonderheiten des Lebens in der Russischen Provinz: hier leben Menschen mit einem anderen Gesichtsausdruck als in den großen Städten; sie essen andere Speisen, tragen andere Kleidung, begehen ihre Feiertage auf andere Weise. Die Kinder sind erwachsener und ernsthafter, die Erwachsenen gutgläubiger und mitteilsamer. Letzteres mag mit der Gabe Christines zusammenhängen, mit ihrer Fähigkeit der nichtsprachlichen Kommunikation. Eine überraschende Ergebenheit in den Augenblick, in das Jetzt und Hier“.

© Christine de Grancy 

(20) Dorothy und Roy Lichtenstein in seiner New York Manufaktur, in der Washington Street. USA 1992

Die beiden hatte ich in Wien, anläßlich der Vorbereitung zu André Hellers „Schein und Sein“ Aufführung für das Burgtheater, im Hotel Schwarzenberg kennengelernt. Erste Entwürfe für ein Kostüm umgesetzt, das Maria Bill tragen sollte, wurden dem Paar vorgeführt. Im selben Jahr habe ich Roy Lichtenstein in New York besucht und photographieren dürfen. Die Skulptur, ein „Archaischer Kopf“, eine Bronzearbeit, 1989 entstanden, hat mich fasziniert. Vielleicht eine etruskische Göttin? Seiner Frau ähnlich? Dorothy kommt später hinzu, umfasst Roy liebevoll, selbstbewußt und der Photographin gegenüber ganz offen, als fühlte sie, wie sehr ich wünschte, dass mir dieses Bild gelingen möge. 1968 hat das Paar geheiratet. Nach seinem Tod, 1997 wurde Dorothy massgebend für die Pflege seines Werkes und Gründerin der Lichtenstein Foundation. Ab 2018 koordinierte sie schrittweise die Auflösung der Stiftung. Große Bestände der Roy Lichtenstein-Sammlung kamen in amerikanische Museen. Neben US-Institutionen wurde die Albertina als einziges europäisches Museum mit 130 Werken bedacht. Dorothy Lichtenstein kam 2023 in ihrem 92. Lebensjahr zur Ausstellungseröffnung nach Wien.

© Christine de Grancy 

(21) Wolfgang Joop, vor Richard Gestls Gemälde „Die Schwestern Fey“, in der Österreichischen Galerie, im Oberen Belvedere. Wien 1990

Der Hamburger Modeschöpfer bringt 1990 mit seiner Modeschau, in der Wiener Börse am Schottenring frischen Wind in die Stadt, die sich gerade - gemeinsam mit Budapest - um die Weltausstellung bewirbt. Man „matschkert“ aber nur, dass der 2. Bezirk plötzlich teurere Mieten hat. - Die Leopoldstadt, oft die verkehrte oder gar dunkle Seite der städtischen Medaille genannt, bleibt indes nicht nur für Makler und Spekulanten interessant. Wien veränderte sich damals rasant, dehnt sich nach Osten aus, der Osten drängt westwärts.

© Christine de Grancy